Galerie – Manfred Dinnes

Manfred Dinnes

Events Daidalos
Retrospektive
Die Zukunft hat gestern begonnen
Schrei der Sonne

Schrei der Sonne, 2008

Events: Retrospektive / Die Zukunft hat gestern begonnen / Schrei der Sonne

Laudato sie, mi signore, cun tucte le tue creature,
spetialmente messor lo frate sole,
lo qual’è iorno, et allumini noi per loi.
Et ellu è bellu e radiante cun grande splendore,
de te, altissimo, porta significatione.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

– Franziskus von Assisi: Canticum fratris solis vel Laudes creaturarum (XIII secolo)

Unweit des Lago di Bolsena, also altes Etruskerland, schneiden Wassermassen tiefe, skurrile Schluchten in das vulkanische Tuffgestein und das seit Jahrtausenden. An einer dieser senkrechten Wände ist bis heute ein Schriftzug auszumachen: „Schrei der Sonne“. Im Jahre 1990, Dinnes arbeitet gerade an dem zyklischen Werk „West- östlicher Divan“, eine Hommage an Johann Wolfgang v. Goethe, verbringt der Maler hier einige Wochen. Dinnes schneidet diese Buchstaben in eine dieser urweltlichen Wände, begleitet vom tausendfältigen Kreischen der Zikaden in gleißender Sonne. Noch ahnt Dinnes nicht, dass er die nächsten Jahre in Bosnien – Herzegovina verbringen wird, in Mostar.

Der Lago di Bolsena ist ein Kratersee und auf Schritt und Tritt bemerkt man den vulkanischen Ursprung. Turmaline finden sich im See und in den meterhohen Tuffgebilden befinden sich merkwürdige Aschegebilde. Ein Land aus dem Feuer geboren und die im Zenit stehende Sonne heuchelt Trugbilder, begleitet von dem schrillen Gesäge der Zikaden. Ich wandere den steilen Hang hinauf zu einem Feigenbaum, der seines gleichen sucht. In knöcheltiefem Tuffstaub entfaltet er ein Blätterdach, als wolle er die Sterne erreichen. In seinem Wurzelgebälk, tief eingegraben, katakombenähnliche Verliese ohne Zeitbegriff. Jetzt zur Mittagszeit schwitzen die Blätter, glänzen vor Schweiß, der nach Katzenpisse riecht. Im Umkreis geplünderte Gräber, blinde Schächte, geschnitten in den Tuff – Etruskerland – sonnengeboren. Weinstöcke an dürre Holzpfähle gezurrt, schaukeln sacht im Wind als Takelagen zukünftiger Kellerfreuden. Hier haust der Weinbauer, weitab seiner eigentlichen Wohnstätte, weitab von der Frau – Mona oder Lisa. Draußen, weit unten liegt der See, bleiern wie die Luft, wie der Staub, wie die eigene Erschlaffung. Selbst der Schatten brennt auf der Haut. Sarajevo 1990: Hier, am Schnittpunkt mannigfaltiger Kulturkreise, die weit in die Vergangenheit reichen, die sich wie bei einem Wirbel gegenseitig überlagern, bis die Dinge nicht mehr durchschaubar sind, nicht mehr erkennbar ist, was Ursache und was Wirkung ist, versucht Dinnes systematisch aus seinem Bildnerischen Denken heraus Antworten zu finden. Es entsteht Bild um Bild, wie Perlen auf eine Schnur gereiht. Keine Illustration der Gegebenheiten, nicht das visuell Augen- Scheinliche, sondern ein Impuls der zum Sammelpunkt der Vielfalt des Vokabulars des Lebens selbst wird. Genau hier ist die Schnittstelle zu suchen, weshalb Dinnes dieses Werk Johann Wolfgang von Goethe widmet. Ein kosmopolitischer Geist, der zusammenfügt was bis dato unvorstellbar, der Fragen aufwirft, wo niemand Bedarf vermutet. Bei Dinnes sind es Bildwerke, die eine Ahnung von Zeit – Triftungen zum Erscheinen bringen. Ohne Pathos und ohne erhobenem Zeigefinger.

„Und solang du das nicht hast
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“
– Johann Wolfgang v. Goethe: „West- östlicher Divan“

Bilder sind das Spiel des Geistes
Die sich im Spiel des Lichtes widerspiegeln
– Dinnes

Vom Klang der Sonne:

Die Sonne tönt ein bisschen: Sie schwingt und pulsiert – die so genannte chromosphärische Oszillation. Dieses Schwingen in den Gashüllen der Sonne könnte man sogar hören, würde das leere All zwischen der Sonne und uns nicht jeglichen Schall „schlucken“. Für den Physiker kein Problem: Er macht den Schall einfach sichtbar. Sie zerlegen das Sonnenlicht in seine Spektralfarben – und schon sehen sie den Schall: Die Ränder der Spektrallinien bewegen sich – sie schwingen im Schall.

Paralleles Denken

Die Entstehung der Welt liegt fernab einer Beobachtungsmöglichkeit weit in der Vergangenheit und ist im Experiment nicht wiederholbar. Die Entstehung ist in der Wissenschaft zwar allgemein akzeptiert, aber nicht direkt überprüfbar. Nur die sich aus ihr ergebenden Voraussagen können geprüft werden. Wenn mit der Theorie andere Phänomene erklärt werden können, ergibt sie Sinn. Elementarer Teil der religiösen Mythen in jeder Kultur sind Ursprungsmythen, in deren Zentrum wiederum der kosmogonische Mythos als Modell für alle Ursprungsmythen besonderes Ansehen genießt. Aufgabe des Mythos ist es, der Welt Sinn zu geben, indem Bestandteile der Erfahrung miteinander in Beziehung gebracht werden. Dabei bezieht sich der Mythos auf eine unbedingte Ebene der Realität (Wahrheit). Der Unterschied zur wissenschaftlichen Theorie besteht darin, dass im Mythos nicht hauptsächlich Verständnis angestrebt wird, sondern – als eine religiöse Tugend – Ergebung.

Malen ist nicht Bild-Werdung von Bestehendem

Wir selbst produzieren uns stets neu. Bewegung aber bedeutet Veränderung. Wir bewegen uns innerhalb der bewegten Welt, sind Teil von ihr, ebenso wie Welt ein Teil von uns ist. Ein Wahrnehmungsakt ist nie isoliert; er ist nur die jüngste Phase eines Ablaufs unendlich vieler ähnlicher Akte, die in der Vergangenheit ausgeführt wurden und im Gedächtnis fortleben. Und ebenso werden zukünftige Wahrnehmungen von den gegenwärtigen vorgeformt, die ihrerseits aufgespeichert und den ihnen vorhergehenden angepasst worden sind. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., einerseits muss der Denkapparat ständig mit der Außenwelt über seine Sinne in Verbindung stehen, andererseits muss das zu Wahrnehmende bereits während des Vorganges so behandelt werden, das es für das Denken brauchbar ist. Wäre es anders, so entglitte bereits beim Wahrnehmen die ungeheuere Fülle von Sinneseindrücken in die Orientierungslosigkeit. Einmal bestehende Wahrnehmungsinhalte müssen also zwangsläufig auf eine gemeinsame Basis hin korrigiert werden in dem Moment, wo eine neue Wahrnehmung aufgenommen wird. „Ich male meine Antworten dem Leben entgegen“
Aus einer solchen Konstellation erwachsen die Gedankenbilder, ohne die der Mensch nicht auskommt. Diese innere Schau erzeugt eine Einstellung, die einer möglichen Struktur der Dinge ein mögliches Bild von Welt zur Seite stellt. Innerhalb dieses Faktorennetzes bewege ich mich als Maler. Es ist der forschende Geist, der Resultate zeitigt, mit denen wir VERSTEHEN lernen.
Die Kategorisierungen innerhalb meiner Bildwerdungen deuten auf jene Schnittstellen menschlichen Geistes, an denen sich Idee formiert – geboren wird. „Ich male meine Antworten dem Leben entgegen“ bedeutet die Akzeptanz der Handlungsbereitschaft, die über das bloße Kunstwerk hinausreicht, das eigene Dasein, die Lebensform selbst mit einbezieht. Dieses Humanum wird im Kunstwerk formiert, existent jedoch muss es im Menschsein werden. Der Mensch ist der Schauplatz der Dinge, die er als Idee entwirft, als Bild formiert und als Modell entwickelt. Das im Sprachraum gebräuchliche „Sich ein Bild von den Dingen machen …“, kann als Forderung gelten, Dinge immer und immer wieder neu zusammen zu setzen, je nach Stand des menschlichen Wissens und seiner Errungenschaften; und dieses nicht zu verallgemeinern, sondern als Möglichkeit zu betrachten. Der Raum also verändert sich in der Zeit und nicht die Zeit verändert den Raum. Dieses neu zu behandelnde Spannungsfeld erfordert eine neue Denk- und Sichtweise, deren Grundsätze sich nicht von bestehenden Sinngehalten nährt, sondern Betrachtungsweisen heranzieht, die uns als Handelnde begreifen im Sinne einer „Neuen Tatsächlichkeit“. Nicht der Inhalt des Bewusstseins steht hier zur Disposition, sondern seine Struktur.

CERN:

Das Akronym CERN leitet sich vom französischen Namen des Rates der mit der Gründung der Organisation beauftragt war, dem Conseil Europeen pour la Recherche Nucleaire, ab. Die offiziellen Namen des CERN sind European Organization for Nuclear Research im Englischen beziehungsweise Organisation Europeenne pour la Recherche Nucleaire im Französischen. Am CERN wird vielfältige physikalische Grundlagenforschung betrieben, bekannt ist es vor allem für seine großen Teilchenbeschleuniger.

Im August 2008 nimmt der „Large Hadron Collider (LHC)“ seine Arbeit auf, der den Tunnel des LEP übernahm, der dafür im Jahr 2000 abgeschaltet wurde. Noch im selben Jahr hatte es einen ersten Hinweis auf die Entstehung eines Quark-Gluon-Plasmas am Relativistic Heavy Ion Collider (RHIC) gegeben, Folgeexperimente am LHC mit dem ALICE-Detektor sind vorgesehen. 2002 gelang die Produktion und Speicherung von mehreren tausend „kalten“ Antiwasserstoff-Atomen durch die ATHENA-Kollaboration, ebenso begann die Datenaufnahme im COMPASS-Experiment Am LHC sollen Energien erreicht werden, die in herkömmlichen Teilchenbeschleunigern bisher nicht möglich waren (bis 14 TeV). Die sind für die Suche nach dem Higgs-Boson, sowie schweren supersymmetrischen Teilchen notwendig; weiterhin für die genauere Untersuchung des Quark-Gluon-Plasmas. Damit Kollisionen bei sehr hohen Energien durchgeführt werden können, muss der Speicherring auf Betriebstemperatur heruntergekühlt und dann kontrolliert hochgefahren werden. Am 8. August 2008 wurden die ersten Protonen in den LHC geschossen, am 10. September 2008 folgte der erste offizielle Rundumlauf von Protonen. Noch vor dem 21. Oktober 2008 soll es zu den ersten Protonen-Kollisionen kommen. Erst nächstes Jahr werden die Teilchenstrahlen dann mit voller Energie aufeinanderprallen. Dabei sollen Temperaturen entstehen, die 100.000 mal heißer sind als im Inneren der Sonne.

Der erste Versuch misslingt.

Am 30. März 2008 haben Forscher im Teilchenbeschleuniger LHC Atomkerne nahezu mit Lichtgeschwindigkeit kollidieren lassen – und sind damit der Simulation des Urknalls so nahe gekommen wie nie zuvor.

In der Abgeschiedenheit der Bergwelt auf einer Höhe von 1700 m entsteht in wochenlanger, konzentriertem Wirken das zyklische Werk
„SCHREI DER SONNE“ – KOSMOGONIA 2008
Wochenlang arbeitet Dinnes von Sonneaufgang bis tief in die Nacht hinein. Spät im September 2008 ist dieses Werk vollendet. Von Anfang an war die Sonne der große Begleiter, manchmal der einzige Begleiter dieser Schöpfung. Einen Tag nach Fertigstellung dieses Werkes beginnt es zu schneien.

Weitere Bilder des Werkes „Schrei der Sonne – Kosmogonia 2008“

Das Trägermaterial besteht aus gepresster Baumwolle, welches in einem speziellen Verfahren aufbereitet wird. Schuppen von Phlogopit- Glimmer, schwimmend aufgetragen und ausgetrocknet, ergeben einen Bildhintergrund, der in seinem Erscheinungsbild sich selbst in seiner Struktur bricht. Farbpigmente in unterschiedlichsten Emulsionen gelöst, werden teils deckend, teils lasierend aufgetragen.

Ein zyklisches Werk in 14 Stationen
Blattgröße: 60 x 60 cm
In Rahmenkasten gefasst: 85 x 85 cm
Entstehungsjahr: 2008


Aequus Animus, 2010

Events: Retrospektive / Die Zukunft hat gestern begonnen / Schrei der Sonne

„Von der Gleichzeitigkeit der Wirklichkeit“

Eine Bildserie von zehn Werken, 2010

Die Wahrnehmung steht in dieser Bildreihe im Vordergrund, wird zur Spur jenes Vorgangs, der in unablässiger Weise jenen Zufluss speist, der unser Denken bestimmt.
Wahrnehmung ist kein in sich abgeschlossener Vorgang, der isoliert betrachtet werden könnte, was bedeutet, dass jedes Wahrgenommene nur deshalb geschehen kann, weil bereits eine lange Reihe ähnlicher Vorgänge eingelagert ist. Was wir also wahrzunehmen vermögen, ist jeweils die Summation eines endlosen Vorgangs aus dem wir unsere Vorstellung nähren. Diese Vorstellung prägt jeweils die Auswahl des Noch- Wahrzunehmenden, die ihrerseits wiederum die Vorstellung um das Neu- Wahrgenommene hinzu – korrigiert. Vorstellung beruht auf einer Vielzahl von Reizen, die unsere Wirklichkeit bilden. Was diesem Wirklichkeitsbild nicht entspricht, wird nicht wahrgenommen. Unsere Wirklichkeit ist eine Erfindung von uns selbst, herausgehoben aus dem Pool unzähliger Möglichkeiten. Vorstellung und Denken stehen demnach in Konflikt zu Wahrgenommen- Wollendem, in dessen Spannungsfeld wir pendeln.

Diesem Vorgang sind die zehn folgenden Bilder gewidmet. Sie zeigen eine Spur dessen, wie sich Struktur der eigenen Vorstellungswelt zu verändern vermag. Das Werk, bildnerisch in Form gebracht, zeigt die eigene Existenz als Momentaufnahme – aneinander gereiht. Der Zustand des gefrorenen Augenblicks gewinnt Substanz im Bild, wird Dokument, zeigt auf. Diese Aufzeichnungen – substrathaft – geben Einblick in die stete Umwandlung. Es geschieht im und am Bild

Eitempera auf handgeschöpftem Büttenpapier, Dammarüberfang

Blattgröße: Höhe – 37 cm, Breite – 52 cm
Gerahmt auf: Höhe – 54 cm, Breite – 70 cm


walled in – walled out

Events: Daidalos / Die Zukunft hat gestern begonnen

„ORPHEUS 2010 – Zeitfenster – NullPunkt“

ist Ausdruck menschlicher Existenz im Zwiespalt mit der eigenen Daseinsbegrenzung. Das Leitbild des endlosen Scheiterns durchzieht dieses, sein Leben und die eigene schöpferische Potenz vergilbt angesichts dieses Bewusstseins zum Klagelaut. Die Zerrissenheit benötigt keine Mänaden; er vollzieht diesen Prozess selbst, an sich selbst zu jeder Stunde, tagein, tagaus, entschwindet zum Schatten.

„Fede e sustanzia di cose sperata
ed argomento delle non parenti“.

(„Glaube ist Stoff der Dinge, die wir hoffen
und der Beweisgrund für die unsichtbaren“)
-Dante Alighieri

So wie sich Dante auf dem Weg durch seine eigene Vorstellung von Vergil begleiten lässt – einer Vorstellung von Raumarten und Zeitarten, – durchbricht „Walled in – walled out“- ORPHEUS 2010 – Zeitfenster – NullPunkt“ die bestehende Vorstellung von Wirklichkeit, indem er ihr die Welt der Möglichkeit entgegensetzt. „Zeit – Räume“ und „Raum – Zeiten“. prägt das Werk. Es ist nicht Bild von „Etwas“ – ES IST.

Das Konzept:

Bilder verstellen den Weg
Die übliche Art des Bildes die Wand als Hintergrund zu benützen, wird verlassen. Stattdessen bildet dieses zyklische Werk selbst eine Mauer. Das Werk ist beidseitig zu umgehen, jedoch ist immer nur eine Seite sichtbar. Der gesamte Eindruck kann jeweils nur über die Erinnerung zusammengefügt werden.

Das Bildwerk als Zeitfenster
So wie der Mensch bruchstückhaft aus Tatsächlichkeit ein Wirklichkeitsbild erstellt, verhält sich das Werk. Jedes Ding hat zwei Seiten, immer nur verhalten wir uns einseitig. Dabei lässt sich nicht erörtern, vor welcher Seite wir gerade stehen. Wir ver-mauern uns stets auf’s Neue.

„Walled in – walled out“
ORPHEUS 2010 – Zeitfenster – NullPunkt“ ist Ausdruck der Existenz, die einerseits von der Substanz der Dinge seine Orientierung ableitet, andererseits jedoch das Ding an sich nur von der Warte der Summation von eigenen Erinnerungen und Prägungen wahrzunehmen vermag. Der Mensch als Sammelpunkt gewesener Dinge bewegt sich wie eine Membrane. Er saugt nur ein Bild ab, das einer Abbreviatur gleicht.

„Walled in – walled out“
ORPHEUS 2010 – Zeitfenster – NullPunkt“
Das Werk, bestehend aus sechs Bildwerken mit zwölf Seiten entstand von März bis August 2010
Die Exponate (70 x 70 cm), beidseitig bearbeitet, hängen schwebend in sechs einzelnen Edelstahlrahmen, die ihrerseits wieder in eigenen Ständern aufgehängt sind. Größe der jeweiligen Exponate: Höhe: 220 cm, Breite: 80 cm, Basistiefe der Sockel: 80 x 80 cm, Tiefe der Edelstahlrahmen: 60 mm. Die Konstruktion ist freistehend.


Weitere Bilder


EIDOS I – III, 2009

Event: Daidalos

Beabsichtigt in seiner Form der Substanz der Idee zu folgen Dem Teil von Welt, den nicht das Ding an sich voraussetzt Sondern das Wesenhafte selbst in Erscheinung bringt

Skulpturen in den Weg gestellt!
Fragen sind Resultat der Auseinandersetzung von Individuum und dessen Empfinden in gesellschaftlicher Struktur. „EIDOS I – III“ sind das Mahnende. Sie stellen etwas vor, das der Mensch meidet, dem er nicht gewillt ist, ins Auge zu blicken: die eigene Zeitlichkeit, in der er vergeht.

Es ist nicht von ungefähr, wenn eine der Skulpturen, „EIDOS I“ den Untertitel trägt: “ NON FUI – FUI – NON SUM – NON CURO“. Diese Inschrift, römischen Ursprungs, mag ihren Ausdruck darin finden, dass sie gemahnt an unzählige Schicksale. „Einst war ich nicht – Dann war ich – Jetzt bin ich nicht – Und es grämt mich nicht“. Worte, die nachdenklich stimmen, angesichts eines Umbaus der Gesellschaft, der dazu angetan sein sollte, den Menschen wieder in den Vordergrund zu stellen. Ihn nicht als Ware verkommen zu lassen, als Rad im Getriebe einer unseligen Beschaffungsstruktur. Das Maß der Dinge, die ihn umgeben, muss er selbst bleiben mit seinen Werten, seinen ca. 80 Jahren Lebensdauer.

Darin findet sich dann auch der sinnfällige Untertitel von „EIDOS – II“. „Glaube ist Stoff der Dinge und der Beweisgrund für die Unsichtbaren“. Dante Alighieri, von dem dieser Satz stammt und der nichts anderes besagt, als dass die Vorausschau des Menschen eng begrenzt ist – diese Zeilen 1500 Jahre später als „NON FUI – FUI – NON SUM – NON CURO“ niedergelegt, geben wieder, das Menschsein eingebettet ist in die Abläufe seines eigenen Werdens. Nichts anderes entspräche seinem Sinngehalt. „EIDOS – II“ wird zum Ausdruck dafür, welche Rolle der Mensch als Individuum sich selbst zuschreibt und was ihn in Zukünftiges leitet.

„Laß‘ die Moleküle rasen, was sie auch zusammenknobeln! Laß‘ das Tüfteln, laß‘ das Hobeln, heilig halte die Ekstasen“. Diese Worte, geschrieben von Christian Morgenstern und wieder verwendet als Untertitel von „EIDOS – III“ belegen einmal mehr den Standpunkt des Werkes, der daran ermessen werden mag, wohin wir uns bewegen. Diese Bewegung als Aktivposten entspräche mehr der Entwicklung unseres menschlichen Daseins. Seine Qualität läge in der Voraussetzung, dieses Sich-Entwickeln zu akzeptieren.

„EIDOS I – III“ sind damit aus künstlerischer Sicht nicht lediglich Skulpturen die Wege beschreiten, sondern durch ihr Gewordensein Wege durchkreuzen mit der Frage, wie viel wahrzunehmen wir fähig sind und wie viel wir umzusetzen vermögen aus der gewonnenen Weltschau.


Metamorphose

Event: Daidalos

Dinge verstehen heißt: „sich ein Bild von den Dingen zu machen“. Verstehen ist demnach ein wandelbarer Begriff, der sich stets neu definieren muss. Verständnis gemessen an unserem heutigen Naturbegriff bedeutet: Einbeziehung des Lebensraumes in den Denkraum in globaler Hinsicht. Dies ist eine kulturelle Leistung, die bisher so nicht existent war.

– „Metamorphose“ ist der genetische Abdruck dieser Leistung, kulminiert in der Fassung des Werkes selbst – der Wandelbarkeit des menschlichen Denkens in seiner Umwelt. Wir bewegen uns in einer bewegten Welt (Metabole).
– Metamorphose“ ist Resümee und Durchgangsstadium einer zukunftsorientierten geistigen Haltung, welche sich an den Prämissen dieser Wandelbarkeit manifestiert.

Die Objektstele in ihrer Bildnerischen Aussage nimmt Bezug auf den Prozess der Umwandlung, der Assoziation von Faktorennetzen, die an unerwarteter Stelle neue Konzeptionen erbringen. Wahrnehmung heißt in dieser Hinsicht nicht, Rückgriffe auf bekannte Bilder aus Erfahrung oder Erinnerung vorzunehmen, sondern neu in Bild zu fassen, um Verstehen neu zu begreifen


Umbilicus I-III, 2009

Event: Daidalos

Man vergisst zu leicht, wie filigran jegliches Machwerk der Menschen an seinen Rändern zu beurteilen ist. Sind wir überhaupt in der Lage, das Ausmaß unseres Handelns abzuschätzen? Wohl kaum, werden wir angesichts der Großwetterlage politischer und wirtschaftlicher Strukturen sehr bald feststellen. Wir dümpeln dahin im Meer des Ungewissen, verzagen am Bodensatz geringfügigster Abweichungen – fallen aus dem Bild. Wir haben verlernt, uns selbst zu erfinden, geschweige denn zu definieren. Dafür entstehen Skulpturen. Weil sie versinnbildlichen, dass der Mensch nach wie vor im Mittelpunkt stehen muss. Weil diese in dem ganzen Zivilisationsirrsinn, dem Aberglauben des Alles- Machbaren durch ausgeklügelte Technologien, standhalten. Kunst ist Energie, will stets erobert werden im Sinne von Deutung. Sie ist nicht marktschreierisch, verzagt aber nicht. Kunst muss auch als Transportmittel begriffen werden. Mit ihr werden Visionen sichtbar um IDEE zu entwickeln. Das ist ein Ziel, ein Versprechen, Orientierung. Kunst ist ‚SCHON‘ und bietet die Möglichkeit das Wirklichkeitsbild umzuwandeln in Tatsächlichkeit.

Jeder Punkt auf einer Kugel ist deren Mittelpunkt: Umbilicus I -III macht dies anschaulich.

Umbilicus I – III ist nach EIDOS I – III die sichtbare Ausweitung skulpturaler Erscheinungsformen im Werkcharakter. Dabei entwickelt sich ein Raumkörper, der das Werden in den Vordergrund stellt. Werden ist dabei als Frage zu verstehen.


Reflexionen, 2011

Event: Retrospektive

Eine Bildserie von zwölf Exponaten

Das Netz an zu Erfahrendem, an Erlebtem, der Wahrnehmungen und Beziehungen untereinander postuliert sich im Bild. Dieser Vorgang ist ein dynamischer Prozess. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., der Denkapparat bezieht seine Quellen aus der Wahrnehmung, andererseits wird die Wahrnehmung kontrolliert durch das Denken. Während Denken eher als etwas Statisches zu betrachten ist, wird über die Wahrnehmung dem Denken eine dynamische Kategorie zugeführt. Nur über die Abstraktion können beide Mechanismen miteinander verbunden sein. Nimmt eine dieser Funktionen überhand, kommt es zu Fehlleistungen. Durch bloßes Anstarren gewinne ich keine Begrifflichkeit vom Gegenstand. Ebenso wird durch das Denken allein eine Stagnation, die sich auf ‚Einfachsthei’t zurückzieht, postuliert.

Mir, als Findendem – nicht als Suchendem, wird die Notwendigkeit der Bildwerdung zum Kulminationspunkt einer in Farbe, Form und Komposition gebrachten Ordnung. Einer Ordnung jedoch, die sich stets verändert, einer Ordnung, welche die gebrochene Form in ihrer Wandelbarkeit anerkennt. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges fließen zusammen in einen Punkt, der zeitlos ist – weil er nun selbst Zeit ist.

Nur was ich wahrzunehmen vermag, kann ich definieren, kann dem einen Begriff verleihen, was mir als Gegenüber in Erscheinung tritt. Der Inhalt der Bildwerdung ist der Gang des Geistes, der mit der Existenz unmittelbar verbunden ist durch die Handlung. Die Vorstellung, das Bild müsse das zum Ausdruck bringen, was sich als gemeinsamer Nenner in Form von Widererkennbarkeit bestätigt, hat Stagnation des Geistes zur Folge, führt nicht zu größerer Wahrnehmung, sondern zu trivialer Falsch-Nehmung. Das Bild ist nicht Bestätigung des eigenen Seins in der Welt, sondern bedeutet Welt. Sie wird durch das Sein erfahrbar. Wir alle, nicht nur die Künstler, sind die Seienden. Das Vermögen des menschlichen Geistes besteht darin, sich ein Bild zu machen, an dem er Orientierung findet. Dieses „Sich ein Bild machen“ ist ein immerwährender Prozess. Auch unsere Denkwelt ist hier mit einzubeziehen in dieses Werden, das als Bewegung wahrgenommen wird. Bewegung aber bedeutet Veränderung. Wir bewegen uns innerhalb der bewegten Welt, sind Teil von ihr, ebenso wie die Welt ein Teil von uns ist. Ein Akt der Wahrnehmung ist nie isoliert; er ist nur die jüngste Phase eines Ablaufs unendlich vieler, ähnlicher Akte, die in der Vergangenheit ausgeführt wurden und im Gedächtnis fortleben. Und ebenso werden zukünftige Wahrnehmungen von den gegenwärtigen vorgeformt, die ihrerseits aufgespeichert und den vorhergehenden angepasst worden sind. Wahrnehmung und Denken bedingen sich gegenseitig, d. h., einerseits muss der Denkapparat ständig mit der Außenwelt über seine Sinne in Verbindung stehen, andererseits muss das Wahrzunehmende bereits während des Wahrnehmungs-Vorganges so behandelt werden, dass es für das Denken brauchbar ist. Wäre es anders, so entglitte bereits beim Wahrnehmen die ungeheuere Fülle von Sinneseindrücken in die Orientierungslosigkeit.
Einmal bestehende Wahrnehmungsinhalte müssen also zwangsläufig auf eine gemeinsame Basis hin korrigiert werden in dem Moment, wo eine neue Wahrnehmung aufgenommen wird.
Das Verständnis der eigenen Existenz des Menschen in seinem Umfeld wird nicht dadurch begreifbar, dass er Rückgriffe auf bestehende Bilder vornimmt. Auf diese Weise illustriert sich das Individuum im bereits Bestehenden, verkarikiert sich bis zur Wahrnehmungssperre. Dies kann dann eine Welt der -Ismen zur Folge haben, die längst von der jeweiligen Gegenwart überholt wurde, an der aber festgehalten wird. Geschichte wird dadurch nicht lebendig, sondern der Mensch solcher Gesellschaften bezeugt eher, dass er kein Geschichtsbewusstsein vorzuweisen hat oder sich ein solches vorgaukelt. Dieses Diktat der vorgeformten, zementierten Begrifflichkeiten führt letztlich zu einer Versorgungsmentalität in allen gesellschaftlichen Prozessen. Die Freiheit einer Gesellschaft und der Kunst besteht jedoch darin, Inhalte der Wahrnehmung und des Denkens zu verknüpfen – sinnvoll zu verknüpfen. „Ich male meine Antworten dem Leben entgegen“

Aus einer solchen Konstellation erwachsen die Gedankenbilder, ohne die der Mensch nicht auskommt. Diese innere Schau erzeugt eine Einstellung, die einer möglichen Struktur der Dinge ein mögliches Bild von Welt zur Seite stellt. Innerhalb dieses Faktorennetzes bewege ich mich als Maler. Es ist der forschende Geist, der Resultate zeitigt, mit denen wir VERSTEHEN lernen.

Die Kategorisierungen innerhalb meiner Bildwerdungen deuten auf jene Schnittstellen menschlichen Geistes, an denen sich Idee formiert – geboren wird. „Ich male meine Antworten dem Leben entgegen“ bedeutet die Akzeptanz der Handlungsbereitschaft, die über das bloße Kunstwerk hinausreicht, formt das eigene Dasein, die Lebensform selbst mit einbezieht. Dieses Humanum wird im Kunstwerk formiert, existent jedoch muss es im Menschsein werden. Der Mensch ist der Schauplatz der Dinge, die er als Idee entwirft, als Bild formt und als Modell entwickelt. Ist er im Sinne der griechischen Philosophie auch das Maß aller Dinge?

Wir hinken unserer eigenen Lebenszeit hinterher.

Das im Sprachraum gebräuchliche „Sich ein Bild von den Dingen machen …“, kann als Forderung gelten, Dinge immer und immer wieder neu zusammen zu setzen, je nach Stand des menschlichen Wissens und seiner Errungenschaften; und dieses nicht zu verallgemeinern, sondern als Möglichkeit zu betrachten. Der Raum also verändert sich in der Zeit und nicht die Zeit verändert den Raum. Dieses neu zu behandelnde Spannungsfeld erfordert eine neue Denk- und Sichtweise. Grundsätze, die sich nicht von bestehenden Sinngehalten nähren, sondern Betrachtungsweisen heranziehen, die uns als Handelnde begreifen im Sinne einer „Neuen Tatsächlichkeit“. Nicht der Inhalt des Bewusstseins steht hier zur Disposition, sondern seine Struktur.


Schöpfungen aus Papier

Event: Retrospektive

Grundpapier: 90% Baumwolllinters – Zellstoff, 5 % Abaca – Zellstoff, 5 % Eukalyptus-Zellstoff. Diese ausgewogene Zellstoffmischung ermöglicht dem Grundpapier eine weiche, fließende Haptik.

Pigmentierung und Einfärbung des Grundpapiers (Caput Mortuum, verschiedene Aschen, Realgelb, gemahlene Lava, Ultramarin, Lithopone, Phlogopit). Anlegung der Struktur.

Deckpapier: 70% Pergamentpapier, 15% Kunstdruckpapier mit geringer Opazität, 15% Nadelholz-Zellstoff. Diese Fasermischung ermöglicht durch Ihre Transparenz und Härte, die im nassen aufgebrachten Farbpigmente aufscheinen zu lassen und diese dennoch im Raum zu stabilisieren. Der Vorgang erfolgt mittels Aufgießen.

Die Papiere verbleiben auf dem Edelstahlgeflecht und werden ausgetrocknet, samt dem Edelstahlsieb von den Schöpfrahmen gelöst, auf Holzplatten aufgeleimt und vernäht.
Der malerische Auftrag erfolgt in reinen Farbpigmenten, gelöst in Ei- und Kaseintempera, mit Dammar oder Mastix überfangen.

In der Abfolge entstehen 12 Papierbögen (88 x 88 cm), handgeschöpft, die den Grundstock der „Bild-Werdungen“ signalisieren. In Rahmen (100 x 100 cm)

„Schöpfungen aus Papier“

„Die Zukunft hat gestern begonnen
– aber –
wir haben vergessen,
die Gegenwart zu erreichen“

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib‘ im Dunkeln unerfahren mag von Tag zu Tage leben“.

– Johann Wolfgang von Goethe


Zusätzliche Werke

Event: Retrospektive